Jean Sebastien Larro

@der_naturvermittler

Zwischen den Zeiten

Winterwald im Gegenlicht

Es gibt diese Tage im Januar, an denen der Winter noch fest im Sattel sitzt und trotzdem etwas in der Luft liegt. Etwas Unausgesprochenes. Eine Ahnung vielleicht, die sich nicht in Worte fassen lässt, aber die man spürt, wenn man lange genug still steht.

Bevor ich diese Woche für ein verlängertes Wochenende nach Sachsen aufgebrochen bin, war es zuhause in Rheinhessen so mild, dass ich für einen Moment dachte, ich hätte mich im Kalender vertan. Die Meisen hatten begonnen, ihre ersten Reviergesänge anzustimmen. Dieses typische Zweiklang-Pfeifen, das so klar durch die Winterluft schneidet. Für mich ist das immer das erste Zeichen. Lange bevor irgendeine Blüte sich zeigt, sind es die Meisen, die mir sagen dass irgendwo tief im Gefüge der Jahreszeiten etwas in Bewegung geraten ist. Auch konnte ich Meisen beobachten, die schon Nistmöglichkeiten auskundschafteten. Ganz beiläufig, als wäre es das Normalste der Welt, mitten im Januar über Familienplanung nachzudenken.

Die Zaubernuss blüht natürlich, aber das soll sie ja auch. Sie ist die Spezialistin für diese Zwischenzeit, ihre fadenförmigen gelben Blüten gehören zum Januar wie der Raureif auf den Gräsern. Und die allerersten Krokusse drücken sich durch die Erde, noch ganz dünn und zaghaft, mehr ein Versprechen als eine Tatsache.

In Sachsen war die Welt noch eine andere. Der böhmische Wind fegte in heftigen Böen durch den Wald, es war bitter kalt und als in unmittelbarer Nähe ein großer Ast krachend zu Boden ging, beschloss ich, meine geplante kleine Winterwanderung abzukürzen. Der Winter hier meint es ernst. Die Teiche liegen unter einer Eisdecke, das Schilf steht golden und erstarrt im gefrorenen Wasser, und die Luft hat diese Klarheit, die nur richtige Kälte erzeugen kann.

Und doch. Auch hier die Zeichen für den, der hinschaut. Eichhörnchen, die die tiefstehende Sonne nutzen und durch die Baumkronen turnen. Ein Biber, der in einem Mühlteich seine Spuren hinterlassen hat. Gefällte Stämme, die ins Eis ragen, Nagespuren an den Weiden. Die Schneeglöckchen sind hier weiter als bei uns zuhause, was mich überrascht hat. Wahrscheinlich eine andere Sorte, vielleicht aber auch einfach ein geschütztes Plätzchen, das seine eigenen Regeln hat.

Es gibt in der japanischen Tradition diese wunderbare Aufmerksamkeit für die Mikro-Jahreszeiten. Zweiundsiebzig gibt es davon, jede nur wenige Tage lang, jede mit einem eigenen Namen. "Wenn die Buschsänger zu singen beginnen" ist eine davon, oder "Wenn der erste Pfirsich erblüht". Ich frage mich manchmal, wie unsere eigene Mikro-Phänologie aussehen würde. "Wenn die Meisen die ersten Gesänge anstimmen" wäre definitiv dabei. Und "Wenn die Schneeglöckchen die ersten Spitzen durch den noch frostigen Boden drücken".

Im Mischwald zeigt sich der Winter von seiner schönsten Seite. Das Spiel zwischen Licht und Schatten, zwischen den immergrünen Kiefern und den kahlen Laubbäumen, die tiefstehende Sonne, die durch die Stämme bricht und Wege zeichnet, die nur für einen Moment existieren. Es ist diese Zeit zwischen den Zeiten, in der nichts festgelegt scheint. Der Winter ist noch da, aber er hält nicht mehr alles fest. Der Frühling ist noch nicht da, aber er schickt seine Boten.

Nächste Woche soll es auch bei uns richtig kalt werden. Dann werden wir sehen, wie die Winterlinge, die schon zu blühen begonnen haben, damit umgehen und ob die Krokusse weiter schieben. Das ist das Wesen dieser Übergangszeit. Nichts ist sicher, alles ist möglich, und wer aufmerksam bleibt, erlebt jeden Tag einen anderen Wald, einen anderen Garten, eine andere Welt.

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