Am Sonntagmorgen bin ich mit dem Rad zum Schloss Freudenberg in Wiesbaden gefahren. Als ich aus dem Tal auf die erste Terrasse der Selz herausfuhr hatte sich der Wind für mich gedreht und ich hatte ihn im Rücken, einen mächtigen Schub, der einem das Treten abnimmt, als würde einen jemand anschieben. Ich hab mich gefreut wie ein Kind. Als ich dann oben im Wald am Schloss war, war da das Rauschen der Bäume, die Luft war klar und ich war auf einmal richtig beschwingt. Fröhlich. Fast ein bisschen euphorisiert, ohne Grund.
Während meiner ersten Runde um ein Gespür für die anstehenden Impulse zu bekommen hab ich sie dann gesehen. An der alten Feuerstelle, wo sonst im Jahreslauf Feuer entfacht werden, tanzte auf einmal ein kleiner Wirbel heraus. So ein Staubteufel, wie man sie kennt, der ein paar trockene Halme mitnimmt und sich im Drehen wieder auflöst. Eine Windsbraut, dachte ich sofort. So nannten wir als Kinder diese Erscheinung. Oder Wetterhexe. Woher wir die Namen hatten, erinnere ich nicht mehr. Wir dachten damals, dass sich dann das Wetter ändern wird, wenn man sie sieht.
Und dann bin ich hängengeblieben an der Frage, was der Wind eigentlich ist. Weil ich ihn ja nicht sehe. Ich kann ihn nicht anfassen, nicht festhalten, nicht in die Tasche stecken für später. Er ist nicht verfügbar. Selbstbestimmt. Das Einzige, was ich habe, ist das, was er anrichtet. Die Luft wird frisch, sie steht nicht mehr, sie riecht nach nichts mehr, nur nach sich selbst. Die Sicht wird weit, der Dunst ist weg, der Horizont rückt näher. Und der Wald wird laut.
Das mit dem Lautwerden hat mich dann auch noch beschäftigt. Für mich ist dieses An- und Abschwellen ein schöner Rhythmus, ich mag das. Aber ich hab mir überlegt, wie das wohl zum Beispiel für die Vögel ist. Die sind ja darauf geeicht, das Rascheln im Unterholz zu hören, die Schritte von jemandem, der sich anschleicht. Und bei so einem Wind rauscht alles, der ganze Boden rauscht, und dieses eine wichtige Geräusch geht darin unter. Unruhe überall. Ich stelle mir vor, sie müssen wachsamer sein an so einem Tag, weil ihnen ein Sinn zur Hälfte wegbricht. Ob das stimmt, weiß ich nicht sicher, aber mir leuchtet es ein.
Und während ich da so stand und das Rauschen hörte, hab ich gemerkt, dass der Wind selber atmet. Eine Böe kommt, drückt, lässt wieder los. Dann Ruhe. Dann wieder. Ein und aus, ein und aus. Nicht ich atme da, der Wind atmet. Die Luft, die da über den Sand fegt und den kleinen Wirbel dreht, ist ja auch die, die ich gleich wieder einziehe. Da ist keine Grenze.
In der Mythologie hatte man für das Luftvolk übrigens einen Namen, Sylphen, so hat sie Paracelsus genannt. Und was mir dabei auffällt, ist, wie wenig wir eigentlich über sie zu erzählen haben. Die Erde ist voll von Gestalten, Zwerge, Gnome, Kobolde, ein ganzes Bergvolk hockt da unten und schmiedet. Das Wasser hat seine Nixen. Das Feuer wenigstens den Salamander. Von Feen und Drachen ganz zu schweigen. Aber die Luft? Da wird es dünn. Die Sylphen haben nie so richtig Fuß gefasst in unseren Märchen. Vielleicht, weil man ihr kein Gesicht geben kann. Der Erde kann man eins geben, die kann man anfassen. Dem Wind nicht. Er entzieht sich, und das Volk, das in ihm wohnen soll, entzieht sich mit.
Inzwischen sind die Böen weniger geworden, kein neuer Staubteufel weit und breit. Ich hätte ihn ja so gerne fotografiert. Aber an den Bäumen sieht man noch, dass er weiterhin da ist. Wenn ich zu den Kastanien hochschaue, winken die großen Blätter einzeln und langsam. Bei der jungen Buche daneben zittert der ganze Ast mit jedem einzelnen Blatt, feiner, schneller. Jeder Baum übersetzt denselben Wind in eine andere Bewegung. Und keine Böe wiederholt sich, jedes Mal wackelt es ein bisschen anders.
Für mich ist das das Schönste am Wind. Dass er sich nie festlegt. Dass ich ihn nicht kriege, egal wie sehr ich hinschaue. Ich kann nur dastehen und mich anwehen lassen und schauen, was er mit den Blättern macht. Und atmen.