Jean Sebastien Larro

@der_naturvermittler

Während ich woanders war

Brennnesseln und Weidenkranz im Frühlingsgarten – das Grün übernimmt

Die letzten zwei Wochen sind mir zwischen den Fingern verschwunden. Termine, Texte, Gedanken, die sich festbissen und nicht losließen. Als ich heute vor die Tür trat, hatte ich das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Tatsächlich! Was ich versäumt habe, war genau hinzusehen.

Und doch ist einiges bei mir angekommen, nebenbei, fast ungefragt. Die erste große Blüten-Explosion neigt sich dem Ende zu. Die Kirschen im Garten sind nur noch halb weiß. Zwischen den letzten Blüten schieben sich schon die Blätter durch, dunkler, fester, entschlossener. Der Apfel steht noch, rosig-weiß und voll, mit der leisen Selbstverständlichkeit einer Honigbiene mittendrin, die nicht weiß, dass ich sie anschaue. Wildbienen dagegen sind sehr kamerascheu. Hinter dem Schuppen leuchtet das zarte Grün der Hasel, jenes halbdurchsichtige Maigrün, das in wenigen Wochen zur dichten Sommermauer werden wird.

Am Boden schießt das Grün. Unter dem Holunder ein dichter Teppich aus Waldmeister, niedrig und zart, kurz vor der Blüte. Dazwischen der kleine blaue Stern des Gundermanns. Die verblühten Winterlinge haben die Lücken zwischen den jungen Gehölzen geschlossen. Bald werden sie weg sein, wenn immer weniger Licht von oben kommt. Die Brennnesseln stehen erst knöchelhoch, aber sie kommen. Ich werde wohl nächste Woche die erste Ernte für den Tee beginnen. In wenigen Wochen werde ich mich durchwinden müssen, wenn ich zur Hecke will. An einer Ecke hat sich vor ein paar Jahren aus dem Rest einer Blühmischung das Herzgespann durchgesetzt. Es kommt jetzt jedes Jahr wieder, brusthoch und kurz vor der Knospe, ohne dass ich etwas dafür getan hätte.

Das Körbchen unter dem Dach der Holzhütte ist wieder leer. Die erste Brut ist durch. Ich habe sie nicht immer gesehen, aber wenn, dann hatten wir immer eine schöne kurze Unterhaltung. Die Amselhähne beginnen jetzt wieder mit ihren Revierkämpfen. Es sind derzeit drei die unseren Garten favorisieren. Ob das bestehende Nest für alle drei ein Teil des Plans ist? Im Efeu ist die Mönchsgrasmücke zu sehen, selten aber sie ist wieder da. Hören kann ich sie schon länger. Mein besonderer Freund der Zaunkönig huscht auch noch gelegentlich vorüber, bei den dichter werdenden Blättern ist er allerdings immer besser getarnt, so dass ich ihn vermutlich erst wieder im Spätherbst sehen werde.

Am Teich stehen die Sumpfdotterblumen offen, neben den roten Tulpen leuchtet ihr kräftiges Gelb aus dem dichten Grün heraus. Ein paar Iris-Halme recken sich aus dem Wasser, noch ohne Blüte.

Und jenseits des Dorfes, in der Landschaft blüht der Raps. Die gelben Flächen sind offen, die Bienen fliegen den Raps in Massen an. Es ist die erste wirklich große Tracht des Jahres für die Honigbienen und sie kommt früh dieses Jahr. Zu früh vielleicht. Die Imker werden diesmal schon ab Anfang Mai mit den ersten Schwärmen rechnen müssen, wo wir früher erst Ende Mai, Anfang Juni die Völker besonders im Blick hatten. Die Dinge verschieben sich, nicht dramatisch, sondern leise.

Das ist, glaube ich, das Besondere an diesem Frühling. Er ist nicht besonders. Kein später Frost, der Obstblüten ruiniert. Kein abrupter Wärmeeinbruch. Keine Dürre-Warnungen. Kein Starkregen. Er vollzieht sich, Woche für Woche, fast beiläufig. Und genau das ist ungewöhnlich geworden.

Aber es ist doch auch schön. Dass die Dinge ihren Gang gehen, selbst wenn ich zwei Wochen lang woanders bin. Dass die Brut gelingt, die Blüte sich öffnet, das Grün sich seinen Weg nach oben sucht, ohne mein Zutun, ohne meine Beobachtung. Die Natur braucht meinen Blick nicht, um zu geschehen.

Was sie sicher braucht, ist jemanden, der sich ab und zu wundert und freut, wenn er zurückkehrt und sagt: Ach, ihr wart fleißig, während ich nicht aufgepasst habe.

Manchmal ist das jedenfalls alles, was ich geben kann.

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