Ich habe dieses Jahr noch nicht gemäht. Fast nicht. Ein paar Linien habe ich geschnitten, schmale Pfade durchs hohe Gras. Der Grund dafür ist wenig heldenhaft. Ich wollte keine nassen Hosenbeine. Es regnet ja immer wieder. Wer morgens durch eine ungemähte Juniwiese geht, kommt gewaschen am anderen Ende an.
Also Linien. Mehr nicht. Der Rest darf stehen.
Diese Pfade gehe ich jeden Tag. Und mir scheint, sie sind mehr als trockene Durchgänge. Sie sind wie Sätze, die ich in die Wiese geschrieben habe. Alles andere habe ich ungesagt gelassen. Die Wiese antwortet darauf mit einer Geschwätzigkeit, die mich jeden Morgen neu überrascht.
Denn das Erstaunliche ist ja nicht, dass das Gras hoch wird. Das Erstaunliche ist, wer sich darin zu Wort meldet. Die Wiesen-Witwenblume hebt ihre lila Köpfe über die Halme und verbreitet sich jedes Jahr weiter. Die Schafgarbe öffnet ihre weißen Schirme. Margeriten, Luzerne, Weißklee. Das feine Laub der Wilden Möhre, das aussieht, als hätte jemand grüne Federn ins Gras gesteckt.
Keine dieser Pflanzen habe ich gesät. Sie waren immer da, als Rosette oder als Wurzel. Eine Möglichkeit. Sie durften nur nie blühen, weil der Mäher schneller war als ihre Knospen. Jetzt, wo er schweigt, holen sie nach, was ihnen jahrelang verwehrt blieb. Ich hatte schon immer die wilden Ecken, aber dieses Jahr ist es der gesamte Garten. Und die Vielfalt, die sich mir zeigt, ist überwältigend schön.
Am Rand des Pfades steht jedes Jahr das Johanniskraut kurz vor der Blüte. Es wird zur Sonnwende blühen, zu Johanni. Daher der Name. Die Wiese hat einen Kalender. Eine der Mikrojahreszeiten. Zu Johanni ist der Höhepunkt des Honigbienenjahres. Dann geht es Richtung Herbst. Glaubt man nicht, wenn man bedenkt, dass der eigentliche Hochsommer erst bevorsteht.
An dieser Stelle könnte dieser Text kippen und ein Loblied auf das Nichtstun werden. Lass alles stehen, die Natur regelt das schon, es geht seinen Gang. Aber das wäre zu einfach und es wäre schlicht falsch.
Denn eine Wiese ist kein Urzustand. Sie ist eine Beziehung. Ohne Sense oder weidende Tiere gäbe es keine einzige Blumenwiese. Was nicht gemäht wird, verfilzt. Erst legt sich das Gras über die Kräuter. Dann kommt die Brombeere und irgendwann der Schlehdorn. Nach ein paar Jahren stünde hier Gebüsch, später Wald. Auch schön. Aber keine Wiese mehr. Die Witwenblume und die Margerite existieren, weil jemand mäht. Sie sind Kinder einer alten Abmachung zwischen Mensch und Land.
Die Frage ist also nicht, ob ich mähe. Die Frage ist, wann und wie viel. Die Fachleute haben dafür ein Wort, das ich mag. Mosaikmahd. Nie alles auf einmal, einen Teil schneiden, einen Teil stehen lassen, beim nächsten Mal umgekehrt. Hummeln und Wildbienen finden weiter Blüten. Falter und Heuschrecken ziehen in die stehenden Inseln um, statt mit einem einzigen Schnitt ihr ganzes Zuhause zu verlieren. Die Wiese bleibt Wiese und bleibt zugleich bewohnt.
Es wäre also an der Zeit, wenigstens einige Teile zu mähen. Das sehe ich selbst. Hinten wartet die Sitzgruppe wie eine Erinnerung daran, dass dieser Garten auch mir gehört und nicht nur den Witwenblumen (die das vermutlich anders sehen).
Wann genau, entscheide ich aber ohnehin nicht allein. Der Regen redet mit. Nasses Gras legt sich vor den Mäher wie ein passiver Widerstand. Also warte ich auf ein paar trockene Tage. Die Wiese gewinnt mit jedem Schauer eine weitere Frist. Ich habe den Verdacht, dass es da eine Abmachung gibt.
Ich bin nicht der Herr der Wiese. Ich bin ihr Partner mit Terminproblemen.
Und bald bekomme ich Verstärkung. Nächste Woche hole ich eine Sense ab. Eine richtige, geschmiedet, bei einer Fachfrau, die sie gerade für mich dengelt. Meine alte hatte nie funktioniert, ein billiges Blatt, das obendrein falsch saß, da war nichts zu retten. Ich finde es passend, dass ausgerechnet das stille Werkzeug das laute ablöst. Mit der Sense hört man beim Mähen noch, was sich rührt. Und feuchtes Gras ist keine Entschuldigung mehr, sondern eine Bedingung.
Bis dahin gehe ich meine Linien. Trockenen Fußes, langsam, jeden Tag ein Stück aufmerksamer. Ich muss die Wiese gar nicht ganz verstehen. Ein Pfad hindurch reicht. Und unterwegs zuhören, wer da alles spricht.