Jean Sebastien Larro

@der_naturvermittler

Ein Lob der Langeweile

Ein alter, verwitterter Holz-Liegestuhl steht verlassen im hohen Grün eines verwilderten Gartens

Neulich saß ich an einem Vormittag im Garten und langweilte mich. Nicht ein bisschen, nicht nebenbei. Gründlich.

Die zweite Tasse Kaffee war durch, gefrühstückt hatte ich noch nicht. Aus lauter Langeweile hatte ich am Morgen schon Dinge repariert, die nicht dringend kaputt waren. Dann scheiterte ich an einem Duschkopf, der sich nicht abschrauben ließ, und zog mich beleidigt in die Langeweile zurück. Die Wetter-App hatte Regen versprochen, sogar eine Warnung ausgegeben, markantes Wetter, Stufe Gelb, Sturm. Draußen ging ein ganz leichter Wind. Die Vögel sangen. Ich saß da und wartete darauf, dass der Regen für mich entscheidet, ob ich reingehe.

Das ist der Zustand, von dem ich erzählen will. Nicht die schöne, kuratierte Muße aus den Magazinen. Die echte, leicht klebrige, zähe Langeweile, in der man nicht weiß, wohin mit sich.

Als Kind kannte ich diesen Zustand gut. Sonntagnachmittag, niemand da, im Fernsehen lief nichts, kein Ausgang. Man steckte fest. Und genau das war die Bedingung. Die Langeweile von damals war unfreiwillig, und nur deshalb konnte sie ihre Arbeit tun. Irgendwann fing man an, die Maserung des Küchentischs zu studieren oder den Staub im Lichtstrahl. Aus Mangel an Alternativen.

Heute hat jeder leere Moment einen Notausgang in der Hosentasche. Drei Sekunden Stille an der Supermarktkasse und die Hand wandert zum Telefon. Der Mangel, der die Langeweile früher erzeugte, lässt sich nicht durch Entscheidung wiederherstellen. Denn die Entscheidung selbst ist schon der Überfluss, der ihn auflöst. Unfreiwillige Langeweile kann man nicht freiwillig wiederholen. Das Einzige, was noch ginge, wäre nicht Langeweile zu erzeugen, sondern Ausgänge zu entfernen. Und selbst das ist schon wieder eine Handlung, ein Projekt, ein Vorhaben mit Ziel.

An jenem Vormittag im Garten ertappte ich mich bei einer Frage: Was könnte ich mit dieser Zeit anfangen? Ich habe lange in einer Welt gearbeitet, in der alles einen Ertrag abwerfen musste. Diese Welt habe ich verlassen. Der Reflex ist mitgegangen.

"Was tue ich damit?" ist die Frage aus dem Hamsterrad. Sie verwandelt jeden leeren Moment in eine Ressource, die verwendet werden will. Das Gras, das sich vor mir im leichten Wind bewegte, wirft nichts ab. Keine Erkenntnis, keinen Fortschritt. Das ist sein ganzer Wert.

Und während ich dasaß und mich langweilte, rutschte mir mitten hinein der Gedanke: Wäre das nicht ein Blogbeitrag? Da war er wieder, der Notausgang. Die Langeweile tastete nach ihm, ganz von selbst. Sogar das Nichtstun will sich noch verwerten. Dass du diesen Text jetzt liest, beweist, dass der Ausgang am Ende gefunden wurde. Aber immerhin habe ich ihn an dem Vormittag nicht genommen. Ich blieb sitzen.

Aus dem Urlaub habe ich schöne Filme mitgebracht. Sonnenuntergänge, Wellen, Licht und scheinbar Unberührtes. Erst später fiel mir auf, was das Filmen mit dem Moment macht. Statt dass der Sonnenuntergang mich erreicht, mache ich etwas mit ihm. Ich sichere ihn, ich verarbeite ihn, ich lege ihn ab. Die Kamera ist die kleine Schwester des Telefons an der Supermarktkasse. Beide ersparen mir dasselbe, das ungeschützte Dastehen vor etwas, das nichts von mir will. Den Moment aushalten, ohne etwas zu tun oder mit ihm zu unternehmen.

Jetzt könnte man sagen, das sei doch genau diese Achtsamkeit, von der alle reden. Jein. Die Achtsamkeit, von der alle reden, hat ein Ziel. Ruhiger werden, belastbarer. Es gibt eine App dafür, einen Kurs vom Arbeitgeber, damit man das Hamsterrad besser aushält. Der Managementprofessor und Zen-Lehrer Ronald Purser hat das in seinem Buch "McMindfulness" seziert. Achtsamkeit dient als Wellness-Pflaster auf Verhältnisse, die man eigentlich ändern müsste.

Die Ironie liegt auf der Hand. Wenn "Was tue ich damit?" die Frage aus dem Hamsterrad ist, dann ist die Mainstream-Achtsamkeit exakt die Antwort, die das Hamsterrad darauf gegeben hat. Was mache ich mit den leeren Momenten? Ich optimiere sie zu Gelassenheit, die mich leistungsfähiger macht. Damit ist sie wieder in demselben Apparat gelandet, dem sie entkommen wollte.

Mein Gras im Wind hatte kein Ziel. Ich wollte nicht ruhiger werden. Ich wurde es, weil ich gerade nichts vorhatte. Zur Methode lässt es sich nicht machen. Sobald ich die Langeweile übe, um irgendwohin zu kommen, ist sie schon Training. Und Training ist keine Langeweile mehr.

Man hört oft, Langeweile sei der Nährboden der Kreativität. Mag sein. Aber das ist wieder die Ertragsfrage, nur hübscher angezogen. Was ich an jenem Vormittag erlebt habe, war etwas anderes. Die Langeweile schlug in Aufmerksamkeit um, wie in Kindertagen, Maserung, Staub im Lichtstrahl.

Irgendwann hörte ich auf zu warten. Die gelbe Warnung in der App und der tatsächliche, freundliche Wind im Garten gingen einfach nebeneinander her. Und mit der Zeit merkte ich, was für mich in diesem Moment wichtig war. Die Vögel sangen weiter. Sicher nicht für mich und auch nicht wegen mir, aber eben auch nicht ohne mich. Es ging nicht darum, was für ein Gras das war, das sich da bewegte. Es ging darum, dass es mich überhaupt erreichte, ich es wahrgenommen hatte.

Inzwischen lasse ich Momente auch mal ziehen, ohne sie mit der Kamera einzufangen und zu bewahren. Ich freue mich am Augenblick und an dem, was ich sehe.

Vielleicht ist das die einzige Einladung, die ich aussprechen kann, und sie ist denkbar unspektakulär: Bleib mal sitzen, wenn nichts ist. Nicht um etwas zu erreichen. Repariere den Duschkopf nicht. Hol die Kamera nicht raus. Lass den leeren Moment so verwahrlost, wie er ist. Die Welt wartet nicht darauf, dass wir etwas mit ihr anfangen. Sie wartet höchstens darauf, dass wir endlich einmal nichts mit ihr anfangen. Dann fängt sie etwas mit uns an.

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