Pfingstferien. Das war das Wort, das für mich als Kind nach Bodensee klang. Jedes Jahr die Verwandten besuchen, der See gerade warm genug zum Schwimmen – achtzehn Grad, das ging. Aber was mich wirklich jeden Morgen aus dem Bett holte, waren die Seelen. Frisch vom Bäcker, noch warm, mit dieser rissigen Kruste und dem weichen Inneren. Ein Gebäck, das es nur dort gab, nur in Oberschwaben, und das für mich nach diesen Wochen schmeckte wie sonst nichts.
Jetzt liegen sie in meiner Küche. Selbstgebacken. Das Haus duftet.
Irgendwann bin ich über das Rezept gestolpert. Vier Zutaten: Mehl, Wasser, Salz, Hefe. Ich dachte: Das kann ja nicht so schwer sein. Vier Zutaten. Das kriegt man hin.
Die ersten Versuche waren essbar. Die weiteren besser. Sie schmeckten, aber nicht nach Bodensee. Noch nicht. Eher nach einem Anfang. (Wobei ich mir sehr sicher bin, dass sie niemals nach Bodensee schmecken werden. Vielleicht schmecken die echten Bodensee-Seelen in meiner Erinnerung auch besser, als sie wirklich waren.)
Die Tage ist mir etwas untergekommen, das sich wohl Instagram-Poetry nennt. Ich fand das erstmal interessant. Kurze Texte, schön gesetzt, oft vor pastellfarbenen Hintergründen. Sätze wie: Sei achtsam. Lebe im Moment. Du bist genug. Kalendersprüche für die Hosentasche.
Ich will das nicht verächtlich machen. Dahinter steckt ein echtes Bedürfnis. Menschen suchen Halt, einen Griff ans Geländer, wenn der Alltag sie schüttelt.
Aber ich beobachte auch etwas anderes. Eine Haltung, die sagt: Ich habe es gelesen, also habe ich es verstanden. Ich habe es verstanden, also bin ich es schon. Man liest einen Spruch über Achtsamkeit – und glaubt, damit achtsam zu sein. Das Rezept verwechselt mit dem Brot.
Oder mit der Seele, um bei meinem Bild zu bleiben.
Vor fünfhundert Jahren lebte in Japan ein Teemeister namens Sen no Rikyū. Er brachte die Teezeremonie zu einer Schlichtheit, die bis heute nachwirkt. Daraus wurde Shu-Ha-Ri. Drei Stufen des Lernens. Oder besser: drei Stufen des Werdens. Die Idee wird oft mit einem Satz zusammengefasst, der Rikyū zugeschrieben wird – ob er ihn wirklich so gesagt hat, weiß niemand genau: Schütze, brich, löse dich – aber vergiss niemals das Wesen.
Shu – du folgst dem Rezept. Genau so, wie es dasteht. Du fragst nicht warum, du tust. 500 Gramm Mehl, 370 Milliliter Wasser, 15 Gramm Salz, 2 Gramm Hefe. Du wiederholst, bis deine Hände wissen, was zu tun ist.
Ha – du beginnst zu verstehen, warum das Rezept so ist, wie es ist. Und du variierst. Mehr Wasser? Längere Gare? Du machst Fehler. Du lernst aus ihnen. Oder auch nicht, und machst sie nochmal.
Ri – das Rezept ist in dir aufgegangen. Du denkst nicht mehr darüber nach. Liest nicht mehr nach. Du bäckst, wie du atmest. Die Form ist verschwunden, aber ihr Wesen ist geblieben.
Das Entscheidende: Man kann keine Stufe überspringen. Ri ist nicht erreichbar ohne Ha. Ha nicht ohne Shu. Der Weg führt durch das Befolgen hindurch, nicht daran vorbei.
Und hier, glaube ich, liegt das Problem mit den Kalendersprüchen. Sie tun so, als könnte man direkt bei Ri einsteigen. Als wäre das Wissen schon das Können. Als wäre das Lesen schon das Sein.
Aber so funktioniert es nicht. Nicht beim Tee, nicht beim Backen, nicht beim Leben.
Sei achtsam ist kein Zustand, den man durch einen Satz erreicht. Es ist eine Praxis. Ein Weg. Tausend Momente, in denen man es vergisst, und tausend Momente, in denen man sich daran erinnert. Langsam, über Jahre, wird es vielleicht zu etwas, das man ist, statt zu etwas, das man sich vornimmt.
Nach gut fünf Jahren denke ich nicht mehr beim Backen nach. Vielleicht bin ich schon bei Ri. Doch während ich das hier schreibe, habe ich die Teiglinge vergessen. Sie sind zu lange gegangen. Also doch noch irgendwo zwischen Ha und Ri, wahrscheinlich. Auch anderswo folge ich noch Rezepten, aber ich fange an, sie zu befragen. Manchmal gelingen die Seelen. Zuletzt immer häufiger. Manchmal aber nicht. Heute sind sie gelungen, glaube ich. Das Haus duftet jedenfalls, und schmecken werden sie.
Das Rezept ist nicht die Seele. Das Wissen ist nicht das Werden. Vielleicht ist das alles, was ich sagen wollte.