Seit ein paar Tagen schaue ich nach oben, wenn ich an der Gartenhütte vorbeikomme. Nicht zum Himmel, nicht in die Baumkronen. Sondern in die Ecke unter dem Dach, wo ein alter Lampenschirm hängt und darin sitzt jemand.
Es fing damit an, dass wir im Frühjahr vor der Hütte aufgeräumt haben. Im Februar hatte ich ein paar Haselnussstangen geschnitten, beim Auslichten der Hecke, und die dann unters Dach gelehnt. In der vagen Absicht, sie als Bohnenstangen zu verwenden oder für etwas anderes, jedenfalls im Frühjahr, wenn es etwas wärmer ist, die Rinde zu entfernen und ordentlich wegzuräumen. Dann kam das Frühjahr, also die ersten warmen Tage im März und beim Aufräumen fiel uns auf, dass in dem Gewirr aus Stangen ein Nest steckte. Fertig gebaut, ordentlich, mit allem was dazugehört. Wir haben es gerade noch rechtzeitig bemerkt.
Kurz innehalten. Spiegel holen. Von unten vorsichtig reinschauen. Keine Eier, noch nicht bezogen. Aufatmen. Aber auch ein Problem. Die Stangen müssen weg, das war eine wackelige Veranstaltung, kein guter Platz. Nicht für uns und erst recht nicht für eine Amsel mit Nachwuchs. Also haben wir kurz überlegt und dann einfach gemacht. Nest vorsichtig runtergehoben, Stangen weg, einen alten Lampenschirm aus der Scheune genommen, und ihn oben unter das Dach in die Ecke geschraubt. Ungefähr auf derselben Höhe, nur noch geschützter und stabil. Das Nest vorsichtig eingesetzt und dann abgewartet.
Am nächsten Morgen war sie da, die Amseldame. Hatte angenommen was wir ihr angeboten hatten.
Jetzt sitzt sie da oben, im Halbdunkel, trocken, windgeschützt, von unten kaum zu sehen. Man muss schon wissen, dass sie da ist. Wenn ich unten stehe und hochschaue, sehe ich manchmal ihren Schnabel über den Rand ragen. Dann beobachte ich etwas, das ich jedes Mal berührend finde. Es gibt Momente, in denen sie vollkommen wachsam ist. Jede Bewegung registriert, jedes Geräusch, man sieht es an der Art, wie sie den Kopf dreht, einen verfolgt, aufmerksam, bereit. Dann gibt es die anderen Momente. Momente, in denen sie offensichtlich träumt. Ich weiß nicht, wie man es anders nennen soll. Sie sitzt einfach da und ist woanders. Abwesend auf eine Weise, hingegeben.
Ich kenne das von unseren Hühnern. Wenn eine Glucke in die Brut geht und fest sitzt, dann verändert sie sich vollständig. Sie wird still. Sie frisst kaum noch. Sie wird blasser im Gesicht und Kamm, von Tag zu Tag und sie lässt sich durch nichts erschüttern, wirklich durch nichts (die meisten jedenfalls). Da dann sitzt jemand, der eine Entscheidung getroffen hat, die größer ist als alles andere.
Brüten, wenn man mal darüber nachdenkt, ist vielleicht eine sehr radikale Form von Hingabe. Alles aufgeben. Nicht fressen, sich nicht bewegen, sich nicht verteidigen können. Alles, was man ist und hat und kann, auf eine einzige Aufgabe richten und warten. Tage. Wochen. Ohne zu wissen, ob es gut ausgeht. Ohne Garantie. Nur mit dem Vertrauen, dass es schon gut wird.
Abends singt der Amsel-Hahn. Weit oben, im Kirschbaum, nicht in direkter Nähe des Nests, aber er kann es sehen. Erst habe ich mich gefragt, warum er nicht füttert, warum er sich nicht blicken lässt. Aber dann habe ich weitergedacht und mir ist aufgegangen, dass sein Fernbleiben die eigentliche Fürsorge ist. Jeder Anflug zum Nest würde den Fressfeinden den Weg weisen. Jeder Wurm im Schnabel, der in eine versteckte Ecke getragen wird, ist eine Einladung an die Krähen, an die Elster. Also singt er. Hält Abstand. Markiert das Revier und wartet, genau wie sie, auf den Tag, an dem die Schnäbel über den Rand ragen und die eigentliche Arbeit beginnt.
Drei Formen von Zurückhaltung also. Sie, die nicht frisst. Er, der nicht kommt. Ich, der nur von unten hochschaut und nicht näher herangeht.
Manchmal, wenn ich an ihr vorbeigehe, dreht sie kurz den Kopf zu mir. Keine Panik, kein Auffliegen. Nur dieses kurze Prüfen. Ach, du bist es. Gefolgt von diesem Blick ins Nirgendwo. Ich glaube, sie kennt mich inzwischen. Oder genauer, sie hat entschieden, dass ich in Ordnung bin. Eine Amsel, die mich duldet. Mehr Kompliment geht eigentlich nicht.
Was mich an dieser Geschichte freut, ist der Moment mit dem Spiegel. Dieser kurze Augenblick, in dem wir innehielten und erst einmal nachschauten, bevor wir einfach weiterräumten. Es hätte auch anders laufen können. Stangen runter, Nest fällt raus, ach Mist, na ja, war halt Pech. So was passiert. Nicht aus Bosheit, sondern aus Eile, aus Unachtsamkeit, aus dem Gefühl, dass das eigene Aufräumen gerade wichtiger ist als das, was da vielleicht auch noch da ist.
Aber wir haben hingeschaut und dann haben wir nicht einfach in Ruhe gelassen, was ohnehin nicht gut genug war, sondern etwas angeboten. Einen Lampenschirm, zwei Schrauben, zehn Minuten Arbeit. Kein Naturschutzprojekt, kein Plan, kein Budget. Nur die Bereitschaft, das, was da angefangen hatte, ein Stück weiterzutragen.
Sie hat angenommen.
Ich glaube, das ist es, was Mitwelt meint. Nicht das Haus, das wir für die Natur bauen. Sondern das Gespräch, das entsteht, wenn wir aufmerksam genug sind, um die Frage zu hören. Jemand hatte angefangen, in unseren Haselnussstangen ein Zuhause zu bauen. Das war die Frage. Der Lampenschirm war unsere Antwort.
Zwei Wochen bin ich leise an der Hütte vorbeigegangen und gestern Morgen habe ich sie gehört. Es könnten drei sein und der Hahn ist endlich gekommen. Er fliegt jetzt hin und her, bewacht, bringt Futter, als hätte er die ganze Brutzeit über nur darauf gewartet, endlich gebraucht zu werden. Sicher hat er genau das.