Jean Sebastien Larro

@der_naturvermittler

Der Frühling übt noch

Zaubernuss blüht vor verschneitem Garten

Am Wochenende standen wir im Garten und haben Hecken zurückgeschnitten. Februar, da darf man das noch. Die Vögel suchen noch nach den besten Nistplätzen und haben noch nicht mit dem Bau begonnen.

Die Winterlinge haben immer größere Teile des Gartens in Beschlag genommen, so ein gelber Teppich, der sich einfach breitmacht. Die Schneeglöckchen standen aufrecht, die Krokusse schoben wie verrückt und sind kurz vor der Blüte. Und mittendrin, ich habe mich sehr gefreut, die ersten Stängel der Wildtulpen. Auch sie schieben also schon.

Die Zaubernuss blüht sowieso schon seit Wochen. Hamamelis, dieses Gehölz, das sich an keine Regel hält. Leuchtend gelbe Blüten an kahlen Ästen, mitten im Winter, als wäre das die normalste Sache der Welt. Ich mag diesen Strauch. Er fragt nicht, ob es schon Zeit ist. Er blüht einfach.

Und dann, als es dunkel wurde, fing es an zu schneien.

So ist das gerade. Der Vorfrühling ist offiziell da, phänologisch gesehen. Die Hasel blüht, und zwar nicht zu knapp. Ich bin gegen die Kätzchen gestoßen und was da an Pollen rausgestaubt ist, das war beeindruckend. Wer daran zweifelt, dass die Natur schon auf Sendung ist, der muss nur mal eine blühende Hasel antippen. Das Ergebnis spricht für sich (und jeder Allergiker wird mir zunicken).

Aber der Winter? Der gibt noch nicht auf. Der legt nochmal nach, als wolle er sagen: Moment mal, ich bin noch da.

Vor einigen Monaten habe ich angefangen, bewusster auf die Mikro-Jahreszeiten zu achten. Im Januar waren es die Meisen und die allerersten Krokusse, mehr Versprechen als Tatsache. Jetzt, vier Wochen später, ist der Garten kaum wiederzuerkennen. Harukaze kōri wo toku, sagen die Japaner für diese Phase. Der Ostwind taut das Eis auf. Und tatsächlich, am nächsten Tag, sechs Grad, der Schnee schmolz schon wieder, und die Vögel sangen, als hätte es den Schneefall vom Vorabend nie gegeben.

Überhaupt, die Vögel. Morgens ist der Garten jetzt voller Gesang. Reviermarkierung auf allen Kanälen. Und neu im Programm: ein Specht, irgendwo in den Walnussbäumen, dieser unverwechselbare Ruf. Wie ein Lachen. Im Januar war es ein zaghaftes Solo. Jetzt ist es ein Ensemble, das sich warmspielt. Die sind alle längst im Frühlings-Modus, auch wenn am Boden noch Schnee liegt. Sie wissen etwas, das wir mit unserem Kalender nicht abbilden können.

Und dann die Kraniche. Vor ein paar Tagen, der erste Kranichzug über Rheinhessen, den ich bemerkt habe. Mitte Februar. Viel zu früh, denkt man. Aber vielleicht ist "zu früh" auch nur unser Urteil. Sicher wissen die Kraniche mehr als wir. Oder vielleicht wissen sie auch nicht mehr, aber sie vertrauen auf etwas, das älter ist als unsere Wettervorhersagen.

In der keltischen Tradition liegt Imbolc gerade hinter uns, Anfang Februar, das Lichtfest. Das Fest, das nicht sagt "der Frühling ist da", sondern "das Licht kehrt zurück". Eine Einladung, das erste zarte Erwachen wahrzunehmen, auch wenn draußen noch Schnee fällt.

Ich glaube, dieses Dazwischen ist kein Makel. Kein Fehler im System. Es ist irgendwie die ehrlichste Zeit im ganzen Jahr. Weil nichts so tut, als wäre es schon fertig. Weil Aufbruch und Rückzug gleichzeitig passieren und keiner von beiden falsch ist.

Die Zaubernuss blüht vor dem Schnee. Die Krokusse bohren sich durch die weiße Decke. Die Hasel bestäubt, was das Zeug hält. Und dann schneit es nochmal. Und am nächsten Morgen singen die Vögel trotzdem.

Ein Vorschlag für eine Mikro-Jahreszeit, für die wir keinen Namen haben. Dieses "Es fängt schon an, aber es ist noch nicht so weit." Dieses Üben. Dieses Proben.

Der Frühling übt noch. Und ich stehe im Garten und schaue zu. Es hat wieder geschneit.

← Zurück zur Übersicht