Vor ein paar Wochen habe ich geschrieben, dass der Frühling noch übt. Dass er probt, sich warmspielt, zaghaft anklopft. Dass man ihm beim Werden zuschauen kann.
Das ist vorbei.
Am Donnerstag war es noch kalt. Am Freitag bin ich durch dichten Nebel zum Schloss Freudenberg geradelt und kam klatschnass an. Und dann, einen Tag später: siebzehn Grad. Einfach so. Kein Anlauf, kein Übergang. Nachts noch einstellig und tagsüber stand ich im Garten und dachte: Moment mal, was ist hier passiert?
Die Schneeglöckchen, die vor ein paar Wochen noch mehr Versprechen als Tatsache waren, stehen jetzt einfach da, aufrecht, aber ohne den Schnee. Die Krokusse? Die verblühen schon. Das muss man sich mal vorstellen. Die Mandel blüht so verschwenderisch, dass ich jedes Mal stehen bleibe, wenn ich daran vorbeikomme (und ich komme immer an ihr vorbei wenn ich zu den Hühnern gehe). Und die Zaubernuss, die den ganzen Winter über geblüht hat, als ginge sie das alles nichts an, wirkt daneben fast ein bisschen bescheiden. Dafür duftet sie jetzt wunderbar.
Dann die Schmetterlinge. Ein Zitronenfalter taumelte durch den Garten am Schloss, dieses Gelb zwischen den noch kahlen Ästen. Und ein Tagpfauenauge, Flügel auf, Flügel zu, mitten im März. Beide haben den ganzen Winter irgendwo ausgeharrt, in einer Scheune, einem Holzstapel, unter loser Rinde. Als fertige Falter. Die schlafen den Winter durch und wachen auf, wenn es warm genug ist. Jetzt brauchen sie erstmal nur Nektar, und den gibt es gerade reichlich. Die Eiablage kommt erst später, auf Brennnesseln, und bis die stehen, dauert es noch. Ich frage mich trotzdem manchmal, wie gut das alles noch zusammenpasst, wenn die Zeitfenster sich verschieben. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und die ersten Wildbienen. Auch die unterwegs, als hätte jemand ein Startzeichen gegeben, das nur sie hören können.
Ich hatte mir ja vorgenommen, dieses Jahr die Mikrojahreszeiten genauer zu beobachten. Diese feinen Übergänge, die japanische Tradition der zweiundsiebzig Abstufungen, jede nur wenige Tage lang, jede mit einem eigenen Namen. Im Januar hat das wunderbar funktioniert. Der Meisen-Gesang. Die erste Krokus-Spitze. Alles schön der Reihe nach.
Aber jetzt? Jetzt macht die Natur keine feinen Abstufungen mehr. Sie macht Tempo. Die Krokusse verblühen, bevor ich eine Mikrojahreszeit dafür erfinden kann, und die Mandel hat offenbar beschlossen, dass März und April dasselbe sind.
Wobei. Rheinhessen ist kein Mittelgebirge. Der März hier hat schon immer mehr Frankreich als Fichtelgebirge in sich. Das atlantische Klima macht, dass es früher losgeht und dass die Übergänge manchmal weniger sanft ausfallen als anderswo. Es ist nicht verrückt, dass die Mandel Anfang März blüht. Es ist Rheinhessen. Das vergesse ich selbst manchmal (und ich lebe seit über zwanzig Jahren hier).
Aber dieses Gefühl, überrumpelt zu werden, das ist trotzdem echt. Am Wochenende standen wir im Garten und haben Hecken zurückgeschnitten, weil man das im Februar noch darf. Und jetzt, gefühlt drei Tage später, fliegen Schmetterlinge durch den Garten. Das passt nicht zusammen. Oder es passt, und ich bin einfach zu langsam.
Vielleicht ist es das, was mich gerade beschäftigt. Nicht dass der Frühling kommt. Sondern wie wenig er unser Bedürfnis nach Übergang interessiert. Wir möchten gerne, dass die Dinge sich ankündigen. Dass sie Anlauf nehmen. Dass wir uns vorbereiten können. Die Mandel blüht, wenn die Mandel blüht. Die Tagpfauenaugen fliegen, wenn es warm genug ist. Die machen keine Probe. Die fragen nicht, ob wir so weit sind.
Vor ein paar Wochen stand ich im Garten und schaute dem Frühling beim Üben zu. Jetzt stehe ich im gleichen Garten und er hat einfach angefangen. Ohne Vorwarnung. Nächste Woche kann nochmal Frost kommen, klar. Aber das ändert nichts daran, dass die Mandel jetzt blüht und die Schmetterlinge fliegen.
Die Zaubernuss wird es sowieso nicht stören. Die blüht ja eh.