Morgens, wenn der Espressokocher auf dem Herd steht und dieses vertraute Blubbern beginnt, ist da manchmal mehr als nur die Aussicht auf Koffein. Ein Duft steigt auf, der Raum füllt sich – und wenn ich innehalte, wirklich innehalte, dann kann aus diesem Moment eine Begegnung werden.
Neulich ist mir etwas aufgefallen. Ich trinke zwei verschiedene Kaffees. Der eine ist Wildsammlung aus äthiopischen Regenwäldern, der andere eine handelsübliche Mischung. Geschmacklich mag ich beide. Aber beim einen gelingt mir etwas, das beim anderen nicht funktioniert. Ich kann mich mit ihm verbinden. Mit dem Geist des Kaffees, wenn man so will.
Im Shintoismus gibt es die Vorstellung von Kami – eine Art göttliche Präsenz oder Lebenskraft, die in allem stecken kann. In Bäumen und Steinen, in alten Werkzeugen, in Flüssen. Kein "Gott" im christlichen Sinn. Eher etwas, das da ist, wenn wir achtsam genug sind, es wahrzunehmen.
Diese Haltung sollte uns nicht so fremd sein. Auch in unseren eigenen Traditionen – bei Kelten und Germanen – finden sich Spuren dieser Vorstellung, dass Orte, Pflanzen, Dinge beseelt sein können. Heilige Quellen in England oder Irland ziehen noch heute Besucher an – oft als touristische Attraktion vermarktet, aber der Impuls ist derselbe. Hier ist etwas Besonderes. Kein Aberglaube. Eine Form, der Welt respektvoll zu begegnen.
Was wäre, wenn wir das nicht als esoterischen Schnickschnack abtun, sondern als Einladung verstehen? Als Möglichkeit, anders hinzuschauen, oder eher anders zu spüren?
Mein äthiopischer Kaffee stammt aus Wildsammlung. Dort, im Südwesten Äthiopiens, wächst Coffea arabica noch heute wild im Regenwald, wie seit Zehntausenden von Jahren. Keine Monokultur, keine Plantage. Menschen gehen in den Wald und sammeln, was der Wald hergibt. Sie sind Sammler, keine Bauern.
Der andere Kaffee? Plantage, Effizienz, Massenproduktion, immerhin Bio.
Natürlich ist das sachlich betrachtet nur ein Unterschied im Anbau. Aber wenn ich die Tasse in der Hand halte, spüre ich mehr als nur Geschmack. Der Wildkaffee trägt etwas in sich – eine Geschichte, einen Kontext, vielleicht auch eine Art Seele. Er kommt aus einem Ökosystem, das noch intakt ist. Er wurde nicht gezüchtet, nicht optimiert. Er durfte einfach sein.
Bilde ich mir das ein? Vielleicht. Aber vielleicht ist es auch genau das, was die Japaner meinen, wenn sie von Kami sprechen. Die Dinge tragen in sich, woher sie kommen.
Ich will dir keinen Kaffee verkaufen. Ich will dich einladen, beim nächsten Kaffee – oder Tee, oder beim Essen – innezuhalten. Zu schmecken und zu spüren.
Woher kommt das, was da vor dir steht? Wer hat es gesammelt, geerntet, zubereitet? Welche Geschichte trägt es in sich?
Vielleicht merkst du nichts. Vielleicht doch.
Aber vielleicht, nur vielleicht, öffnet sich in diesem Moment eine Tür. Eine Tür zu einer Welt, in der wir nicht nur konsumieren, sondern empfangen.
Wenn du magst, teile deine Erfahrungen in den Kommentaren. Gibt es Dinge in deinem Alltag, bei denen du eine ähnliche Verbindung spürst?